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Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) - Civic Innovation Platform

„Digitalisierung muss Werte schaffen“

Anika Krellmann, Referentin bei der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt), über das Potenzial von KI für Kommunen und was sie sich von der Verwaltung der Zukunft erhofft.

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Interview mit Anika Krellmann in der Textfassung:

Denkfabrik: Als kommunaler Fachverband erstellen Sie „Empfehlungen, Konzepte und Lösungen zu aktuellen und relevanten Fragen des kommunalen Managements“ – was bedeutet das konkret?

Krellmann: Uns geht es darum, Themen, die alle Kommunen in Deutschland miteinander verbinden, so aufzubereiten, dass nicht jede Kommune das Rad neu erfinden muss. Deswegen erstellen wir konkrete Konzepte und Empfehlungen. Die Themen sind dabei ganz unterschiedlich. Dazu gehören „Basics“ – also Themen, die essentiell für die Verwaltungsarbeit sind, wie etwa die Kosten eines Arbeitsplatzes, aber auch innovative Themen wie die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Prozesse und teilweise auch visionäre Bereiche, wenn es zum Beispiel darum geht, das Zusammenleben in einer vernetzten Kommune zu beschreiben. Wichtig ist, dass wir stets kommunale Expert*innen mit einbeziehen, so dass alle Empfehlungen der KGSt auch praxiserprobt sind.

Denkfabrik: Die KGSt unterstützt die Civic Innovation Platform als Kooperationspartnerin, warum finden Sie das Projekt interessant?

Krellmann: Von Anfang an hat mich begeistert, dass dort sehr sektorenübergreifend gedacht wird. Digitalisierung gelingt nur, wenn wir in einem Ökosystem denken. Das tun wir bei der KGSt auch. Kommune ­ist für uns nicht nur die klassische Verwaltung, sondern betrifft auch den sogenannten „Konzern Kommune“, also die Verwaltung mit ihren kommunalen Unternehmen – aber auch die komplette örtliche Gemeinschaft, bestehend aus Verbänden, Vereinen, Wissenschaft und Zivilgemeinschaft. Genau diese „DNA“ eines Ökosystems trägt auch die Civic Innovation Platform in sich. Also der Ansatz: Wie können wir crossfunktional innovativ sein? Wie können wir unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Gedanken und Expertisen zusammenbringen? Das ist eine Perspektive, die uns bei der KGSt überzeugt hat.

Denkfabrik: Wie digital sind die Kommunen aus Ihrer Sicht aufgestellt? Gibt es da Unterschiede zwischen den einzelnen Fachbereichen? Was läuft besonders gut und wo sehen Sie noch Aufholbedarf?

Krellmann: Ich würde sagen, alle Kommunen haben Digitalisierung als Thema erkannt, allerdings wird es bislang sehr unterschiedlich umgesetzt. Dazu haben wir im Herbst 2020 gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) auch eine Studie veröffentlicht. Dabei haben wir festgestellt, dass es vier unterschiedliche „Digitalisierungstypen“ unter den Kommunen gibt: die „Bedächtigen“, die „Optimierer“, die „Serviceorientierten“ und die „Community-Manager“.

Denkfabrik: Können Sie diese Digitalisierungstypen kurz beschreiben?

Krellmann: Ja, gerne. Bei den „Bedächtigen“ handelt es sich meist um eher kleinere Kommunen, die neben ihren Pflichtaufgaben nur wenig Spielraum für eine eigene Digitalisierungsstrategie haben und die Digitalisierung deswegen eher als „Kür“ betrachten. Die „Optimierer“ konzentrieren sich hingegen vor allem auf ein effektives, digitales Leistungsangebot, wollen sich aber nicht in zu vielen Themen verzetteln. Mit den „Serviceorientierten“ sind Kommunen angesprochen, die Digitalisierung als Querschnittsaufgabe betrachten, Mobilität, Bildung, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft also in ihre Strategien mit einbeziehen und sich vor allem auf eine bürgernahe Verwaltung konzentrieren. Ähnlich orientiert sind auch die „Community-Manager“. Das sind meistens Städte, die die örtliche Gemeinschaft aktiv digitalisieren wollen und entsprechende Bemühungen unterstützen, zum Beispiel durch Sharing-Angebote, freies WLAN, digitales Ehrenamt und Civic-Tech-Initiativen. Oft gibt es dort auch schon eine*n Chief Digital Officer (CDO). Ein*e CDO koordiniert unterschiedliche digitale Projekte und Aktivitäten. Dieses Rollenprofil hat immer mehr Zulauf. Inzwischen haben wir bei der KGSt ein CDO-Netzwerk mit rund 40 CDOs aus Kommunen in ganz Deutschland aufgebaut. Generell denke ich, am wichtigsten ist, dass wir das Silo-Denken in der Verwaltung überwinden. Digitale Themen müssen fachbereichsübergreifend behandelt werden.

Denkfabrik: Welche Rolle spielt das Thema KI-Förderung speziell für Kommunen? Wie reagieren die Verantwortlichen auf KI-Anwendungen, und kommen sie bereits in der Verwaltung zum Einsatz?

Krellmann: KI-Förderung ist ein großes Thema, weil es gerade zu Beginn häufig einen „Anschub“ braucht; auch das hat mir am Ideenwettbewerb der Civic Innovation Platform gut gefallen: Ideen müssen häufig noch final ausreifen, bevor sie wirklich wertstiftend sind – eben dafür aber braucht es Ressourcen. Momentan wird in den Kommunen eher eine sehr schwache Form von KI, zum Beispiel für Bild-, Text-, oder Spracherkennung eingesetzt. Darin liegt viel Potenzial – zum Beispiel, um Antragsprozesse barrierefrei zu gestalten.

Diese Form wird meistens nicht sehr kritisch betrachtet. Spannend wird es, wenn wir in Zukunft zu mehr Automatisierung kommen, und damit zur Frage, wie es sich dann mit Entscheidungsspielräumen verhält. Generell sehe ich das Potenzial für KI-Anwendungen in den Kommunen insbesondere in technischen Bereichen oder an der unmittelbaren Schnittstelle zu den Bürger*innen; sowie in Assistenz- und Analysefunktionen. Es gibt beispielsweise schon tolle Beispiele aus dem Straßen- oder Grünflächenmanagement oder im Bereich der Abfallbeseitigung. Auch Tools zur Bürger*innenbeteiligung werden vermehrt mit schwachen Formen von KI ausgestattet.

"Die Civic Innovation Platform fördert die Ideen, die in sektorenübergreifenden Projektteams wie Start-ups mit Unternehmen oder eben Kommunen für den gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt entwickelt werden. Auch das braucht es unbedingt!"

Anika Krellmann

Denkfabrik: Welche Stakeholder*innen, Akteur*innen und Kompetenzen braucht es, um gemeinwohlorientierte KI-Anwendungen für Kommunen zu entwickeln?

Krellmann: Da würde ich gerne zurückkommen auf das Ökosystem der Digitalisierung: KI-Anwendungen werden nur dann erfolgreich sein, wenn Vertrauen und Akzeptanz gegeben sind. Dafür ist es wichtig, dass die verschiedenen Akteur*innen einer Verwaltung, also Verbände, Unternehmen, Zivilgesellschaft aktiv in die Entwicklung miteinbezogen werden. Die Zielgruppe muss verstehen, wie KI-Anwendungen vom Grundsatz her funktionieren. Dafür muss die Datenbasis hochwertig und verständlich sein. Je multidisziplinärer Projekte in ihrer Entwicklung angelegt sind, desto besser sind sie oftmals. Auch Open Source sorgt für Transparenz und Vertrauen. Was die Kompetenzen betrifft, würde ich sagen, unterscheidet sich das nicht von den generellen Anforderungen durch die Digitalisierung: Auch außerhalb der Verwaltung kommt es darauf an, neben IT- und Medienkenntnissen, beispielsweise auch ethische und soziale Eigenschaften weiterzuentwickeln.

Denkfabrik: Wie lässt sich das Interesse der kommunalen Verwaltung an KI weiter steigern?

Krellmann: Durch überzeugende Anwendungen. Bei uns gilt das Motto: „Digitalisierung muss Werte schaffen“. Sobald eine Anwendung einen echten Mehrwert für die Verwaltung und die Nutzer*innen schafft, ist sie auch überzeugend. Es geht also nicht nur darum, dass KI eingesetzt wird, sondern auch darum, dass sie an den Standorten die Arbeits- und Lebensqualität verbessert. Das müssen wir im Auge behalten. KI darf kein Selbstzweck sein.

Denkfabrik: Sie organisieren auch die Plattform KGSt®-Kommunect digital, auf der sich über 2.800 kommunale Digitalisierungsverantwortliche vernetzen. Was sind die Ziele der Plattform und ergeben sich daraus Schnittstellen zur Civic Innovation Platform?

Krellmann: KGSt®-Kommunect digital ist eine Plattform für Digitalisierungsideen und -projekte in Kommunen, die aktuell auch nur durch Kommunen nutzbar ist. Es ist uns wichtig, dass es sich dabei um einen Vertrauensraum handelt. Wir wollen einen Bereich schaffen, in dem sich Kommunen auch über vage Ideen ungestört austauschen können. Aber auch wenn unsere Plattform nach außen nicht geöffnet ist, ist uns klar, dass in branchenübergreifender Co-Kreation und Zusammenarbeit viel Potenzial für Innovationen liegt. Deswegen setzt die Civic Innovation Platform mit ihrem sektorenübergreifenden Ansatz hier wunderbar an. Ich glaube, die Angebote ergänzen sich gut und ich kann mir vorstellen, dass sich auch einige Projekte der Civic Innovation Platform irgendwann bei KGSt®-Kommunect digital wiederfinden oder umgekehrt.

Denkfabrik: Ein Schwerpunkt der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft heißt Arbeitsgesellschaft 2040: Wie stellen Sie sich die kommunale Verwaltung der Zukunft vor, und von welchen KI-Anwendungen könnten die Bürger*innen dann profitieren?

Krellmann: Im Idealfall steigt mit der Digitalisierung die Menschen- und Nutzerzentrierung. Ich wünsche mir, dass sich das Kerngeschäft der Kommunen dann nicht mehr vornehmlich um Anträge dreht, zum Beispiel um einen Personal- oder Reisepass auszustellen oder einen Hund anzumelden.  Solche Tätigkeiten werden dann standardisiert durch Automation und eventuell auch KI bearbeitet. Verwaltungsmitarbeitende werden dadurch mehr Möglichkeiten haben, sich auf den gestaltenden Aspekt ihrer Arbeit zu konzentrieren. Ich glaube, da können sich die Kommunen auch einige Gestaltungsspielräume „zurückerobern“, wie zum Beispiel im Bereich der Pflege. Kommunen sind der Raum, in dem das Altern gestaltet werden muss. Die Kommune kann als Vermittlerin zwischen technischen Möglichkeiten und Bedarfen vor Ort dienen, beispielsweise in der Beratung. Auch im Kontext der Pflege kommt natürlich KI zum Einsatz, etwa durch Assistenzsysteme, die Daten intelligent auswerten und die wir für ethisch vertretbar halten. Am Ende kommt es aber immer darauf an, dass der Mensch noch etwas dazu tut. Am meisten wünsche ich mir deswegen für die Kommunen der Zukunft, dass wir uns auch in digitalen Zeiten durch Menschennähe auszeichnen.

Denkfabrik: Frau Krellmann, vielen Dank für das Gespräch.

Anika Krellmann

Anika Krellmann ist seit 2015 Referentin im Programmbereich Organisations- und Informationsmanagement der KGSt. Dort verantwortet sie Themen im Kontext der „Digitalen Kommune“, und setzt sich ideell mit technologischen Trends, Digitaler Souveränität und Open Source sowie Themen im Bereich der IT-Steuerung auseinander. Außerdem ist sie für die Plattform KGSt®-Kommunect verantwortlich, auf welcher sich mittlerweile über 2.600 kommunale Digitalisierungsverantwortliche vernetzen. Ganz analog unterhält sie für die KGSt das CDO-Netzwerk mit rund 40 kommunalen CDOs aus dem DACH-Raum.