CityLAB Berlin - Civic Innovation Platform

Digitale Infrastruktur öffnen!

Das CityLAB Berlin treibt digitale Innovationen in der Berliner Landesverwaltung voran. Denn von Technologie profitieren nicht nur 3,8 Millionen Berliner*innen – sondern auch 625.000 durstige Stadtbäume.

Benjamin Seibel hat die grünsten Seiten Berlins täglich vor Augen. Sein Büro liegt am Tempelhofer Feld – der ehemalige Flughafen ist seit Jahren ein riesiger Park. Und wie alle Grünflächen leidet auch dieser unter trockenen Frühjahren und heißen Sommern.

Oft müssen Menschen den durstigen Pflanzen helfen, mit Gießkanne und Gartenschlauch. So wurde auch Benjamin Seibel, Leiter des CityLAB Berlin, zum „obersten Gärtner“ der Hauptstadt. Sein Werkzeug ist aber nicht die Gießkanne, sondern der Algorithmus. Um Baumfreund*innen und den Wasserbedarf der Bäume zu koordinieren, haben Seibel und seine Mitarbeiter*innen das Online-Portal Gieß den Kiez erfunden.

Gezielt gießen: Berlins Bäume sind nur einen Klick entfernt

„Wir haben 2019 gesehen, dass die Berliner Bezirke es kaum noch schaffen, alle Bäume zu wässern“, erzählt Seibel. „Es gibt aber Anwohner*innen, die auf eigene Faust losziehen.“ Das Portal bringt etwas Ordnung in das vorbildliche, aber unkoordinierte Engagement. Bürger*innen können nun gezielt gießen: Sie können jeden einzelnen Baum auf einer Karte anklicken. Sie erhalten dann Informationen über Art und Alter sowie den individuellen Wasserbedarf – und können sogar Patenschaften für einzelne Bäume übernehmen. Zugleich bekommen Politik und Verwaltung eine praktische Übersicht zum Zustand der Bäume.

Eine so komplexe Aufgabe lässt sich am besten mit digitaler Technologie bewältigen. Denn entlang der Straßen und in den Parks der Hauptstadt sind 625.000 Bäume erfasst. Eine solche Menge lässt sich nicht mit Zettel und Bleistift organisieren. Schon gar nicht, wenn zahlreiche, aber unvernetzte Bürger*innen bereitstehen.

Das Projekt Gieß den Kiez erhält nicht nur Zuspruch. Einige Stimmen kritisieren, die Verwaltung kleide Einsparungen in ein schickes Tech-Projekt. Das mag Benjamin Seibel so nicht stehen lassen: „Natürlich bleiben die Grünflächenämter in der Verantwortung. Aber viele Anwohner*innen kümmern sich einfach, weil sie Bäume mögen – und denen greifen wir unter die Arme.“

Das Labor arbeitet aus Prinzip Open Source

Vom gesunden Grün profitieren schließlich alle – und so ist das Portal ein modernes Beispiel, bürgerschaftliches Engagement zu organisieren. „Unsere Projekte sind aus Prinzip Open-Source-Entwicklungen“, sagt Seibel. „Wir wollen digitale Infrastruktur im Sinne des Gemeinwohls öffnen. Wer sich nach außen öffnet, bekommt auch viel zurück.“ Damit meint er nicht nur die Sympathie von Naturfreund*innen, sondern auch das Interesse von Behörden, neue technologische Wege zu beschreiten.

Das neunköpfige Team des CityLAB versteht sich als öffentliches Innovationslabor, das die Ämter unterstützt, aber auch antreibt. Denn in Sachen Digitalisierung geht noch mehr, findet Seibel: „In der Verwaltung ist oft nicht bekannt, wie viel digitale Kompetenz es in der Stadt gibt. Und in den meisten Ämtern fehlt es an digitalem Wissen.“

Die Technologiestiftung Berlin und die Senatskanzlei gründeten das CityLAB und statteten es mit vielen Freiheiten aus. Das gilt für die Auswahl der Projekte, aber auch für scheinbar Banales: „Meine Kolleg*innen entscheiden selbst, von wo sie arbeiten. Auch die eigene technische Ausrüstung suchen sich alle selbst aus.“ Direkt in den Verwaltungen sind solche Freiheiten nicht Alltag: „Da dürfen manche Entwickler*innen nicht einmal selbst ein Programm auf ihren Rechnern installieren, ohne die IT zu fragen.“

Nicht alle Ämter haben Lust auf Neues

Das CityLAB Berlin ist insofern nicht nur Helfer, sondern auch Antreiber der Behörden – mit dem ehrgeizigen Ziel, möglichst viele digitale Innovationen zum Wohle der Allgemeinheit zu schaffen. Seibel berichtet: „Bei unseren Projekten werden Bruchstellen sichtbar – zwischen jenen Ämtern mit Lust auf Veränderung und den Bremsern.“ Auch auf Gieß den Kiez habe es begeisterte wie ängstliche Reaktionen gegeben.

Schließlich setzte sich das CityLAB durch und stellte Gieß den Kiez online. „Wir nehmen in Kauf, dass Spannungen entstehen, weil wir diese Spannungen produktiv finden“, sagt Seibel selbstbewusst. Das CityLAB regt an, baut Prototypen und gibt dann auch wieder ab – idealerweise an Verwaltungen, die erkennen: Digitale Innovationen sind keine zusätzliche Last, sondern eine Verbesserung.

Eine Verbesserung für das Berliner Stadtgrün könnte auch im Einsatz von Künstlicher Intelligenz stecken. Das CityLAB testet dies schon an anderer Stelle: In dem Projekt Algorithmische Stadtvisionen trainieren Entwickler*innen einen Algorithmus mithilfe von Stadtplänen und lassen den Computer seine Vision einer Stadt zeichnen. Das CityLAB sieht darin spannende Anregungen, aber keine Konkurrenz für Planer*innen.

Schon jetzt berücksichtigt Gieß den Kiez Wetterdaten. Doch viel mehr Werte wie Langfrist-Vorhersagen oder die Bodenfeuchte stünden zur Verfügung, um Modelle und Vorhersagen zu gestalten. So könnte das System frühzeitig berechnen, in welchen Straßen es gefährlich trocken wird. „Das wäre ein spannender Fall für maschinelles Lernen“, meint Seibel. „Denn selbst die Spezialist*innen der Verwaltung verstehen nicht immer, warum ein Baum den Sommer nicht überlebt.“

Weitere Informationen

Das CityLAB Berlin besteht seit 2019. Die Technologiestiftung und die Berliner Senatskanzlei gründeten es als digitale Spielwiese für mehr Innovationen in der öffentlichen Verwaltung. Das Labor will auch Expert*innen anlocken, für die Behörden eigentlich kein spannender Arbeitgeber sind. Leiter Benjamin Seibel ist kein Programmierer, beschäftigt sich aber seit seiner Jugend mit Computern und Coding.

Menschen stehen vor einem Gebäude