KI Bundesverband - Civic Innovation Platform

„Durch den Einsatz von KI kann mehr erreicht werden als Effizienzsteigerung“

Daniel Abbou, Geschäftsführer des KI Bundesverbandes, über KI und Gemeinwohl, eine neue Kultur des Daten-Teilens und die Bedeutung von Datenkunde als Schulfach.

Interview mit Herrn Abbou anhören:

Herr Abbou, der KI-Bundesverband unterstützt die Civic Innovation Platform. Warum ist das Projekt für Ihren Verband interessant?

Wenn wir an Künstliche Intelligenz denken, sind wir schnell beim Thema Effizienzsteigerung. Doch durch den Einsatz von KI kann so viel mehr als das erreicht werden. KI kann in sehr vielen Bereichen verwendet werden, zum Beispiel beim Gemeinwohl. Die Civic Innovation Platform hilft uns, an Personengruppen heranzukommen, für die KI heute noch kein Thema ist. Wir können ihnen zeigen, wie wir mit KI die Gesellschaft verbessern können. Das macht die Plattform für uns interessant.

Als Verband vertreten Sie die Interessen von KI-Unternehmer*innen. Wie geht es der Branche aktuell?

Uns geht es eigentlich blendend. Natürlich gibt es aufgrund der Pandemie einzelne Branchen wie zum Beispiel im Veranstaltungs- und Kultursegment, denen es wirtschaftlich momentan nicht so gut geht. Dennoch konnten wir allein im letzten Jahr 80 bis 100 neue Unternehmen als Mitglieder anwerben. Junge Unternehmen und KI erfahren derzeit einen großen Aufschwung.

Wie erklären Sie sich diesen Aufschwung in Corona-Zeiten?

Viele Digital- und KI-Projekte, die bisher in den Unternehmen aufgeschoben wurden, haben durch die aktuelle Situation eine höhere Priorität gewonnen. Das wirkt sich ganz klar auf unseren Markt aus.

"Eine gemeinwohlorientierte KI-Anwendung spricht unter anderem Menschen an, die außer ihrem Handy keinen digitalen Zugang haben. Ich denke auch an Menschen mit Behinderungen. Wenn KI einzelne Menschen, die nicht privilegiert sind, unterstützen kann, gewinnt die Technologie enorm an gesellschaftlicher Bedeutung. "

Daniel Abbou

Wie beurteilen Sie die KI-Förderung in Deutschland? Was läuft bereits gut? Wo müssen wir noch besser werden?

Aus meiner Sicht gehen die Vorgaben zur Förderung junger Unternehmen und Start-ups in Deutschland oft an deren Realität vorbei. Die hohen Eintrittskriterien, um finanzielle Möglichkeiten darzulegen, und diverse Nachweispflichten sind ein Problem. Junge Unternehmen können beispielsweise oft nicht weit in die Zukunft planen, doch genau das wird von ihnen verlangt. Die Civic Innovation Platform ist da ein positives Beispiel: Die Hürden zur Teilnahme sind niedrig und so können junge Unternehmen und Start-ups problemlos teilnehmen.

Was macht eine gute gemeinwohlorientierte KI-Anwendung für Sie aus und worauf kommt es bei der Entwicklung Ihres Erachtens an?

Eine gemeinwohlorientierte KI-Anwendung spricht unter anderem Menschen an, die außer ihrem Handy keinen digitalen Zugang haben. Ich denke auch an Menschen mit Behinderungen. Wenn KI einzelne Menschen, die nicht privilegiert sind, unterstützen kann, gewinnt die Technologie enorm an gesellschaftlicher Bedeutung. Da geht es dann um ganz praktische Dinge wie den Abbau von Frust am Arbeitsplatz durch den Einsatz von KI. Auch bei zukünftigen KI-Produkten kommt es darauf an, diesen Personenkreis im Fokus zu behalten.

Wie haben Sie vor diesem Hintergrund die erste Runde des Ideenwettbewerbs „Gemeinsam wird es KI“ der Civic Innovation Platform empfunden und was wünschen Sie sich für die kommenden Runden?

Mir gefiel die Bandbreite der Ideen: Von der KI-Box, mit der Kinder spielerisch an lernende Systeme gewöhnt werden über KI-basierte Datenauswertung mit dem Ziel individuelle, gesundheitliche Risiken zu identifizieren und entsprechende Präventionsmaßnahmen zu treffen bis hin zu Ideen für Sportübungen am Arbeitsplatz inklusive Echtzeit-Feedback zur Bewegungsausführung. Auch die Zusammenarbeit zwischen den Projektgruppen und dem BMAS hat mir gut gefallen. Spannend war, dass die Denkfabrik mit Plattform und Ideenwettbewerb ein Experiment gewagt hat - und wie bei jedem Experiment lernt man aus den Erfahrungen. Daher freue ich mich, dass es weitergeht.

In vielen Unternehmen liegen ungenutzte Datenschätze – wie lässt sich eine Kultur des Daten-Teilens fördern?

Um eine Kultur des Daten-Teilens zu erreichen, muss man mit alten Kulturen brechen. Denn häufig sind Unternehmen noch in alten festgefahrenen Strukturen verhaftet, es wird in Datensilos gedacht und jede Firewall der Welt hochgezogen, um Daten vor Plagiator*innen zu schützen. Und plötzlich sollen sie zum Daten-Teilen in die Cloud? Dieser kulturelle Wandel ist schwierig. Um ihn in Gang zu setzen, brauchen wir sichere Datenplattformen, damit alle Beteiligten Datensharing akzeptieren und wissen, dass daraus kein Nachteil entsteht.

Sie fordern eine flächendeckende KI-Aus- und Weiterbildung, zum Beispiel Datenkunde als Pflichtfach ab der 3. Klasse. Warum ist es wichtig, dass sich alle Menschen frühzeitig mit KI auseinandersetzen?

Ich fordere nicht, dass alle Schüler*innen eine Programmiersprache lernen müssen. Es geht um Grundbegriffe der Datenkunde wie den Algorithmus, data-sharing oder die if-then-Schleifen. Also um einen Ausbau in der digitalen Bildung. So wie es gerade ist, kann es nicht weitergehen. Junge Menschen durchlaufen teilweise die komplette Schullaufbahn, ohne einmal mit diesen Themen in Kontakt zu treten. Spätestens ab dem Einstieg in das Berufsleben werden sie mit dem Thema aber konfrontiert. Dann müssen sie digital gebildet sein und wissen, was Sache ist.

Sie haben vor kurzem ein Positionspapier vorgelegt, in dem es um das Verhältnis zwischen KI und Klimaschutz geht. Wie kann KI zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?

Wir haben die Chance, KI-Produkte zu entwickeln, die Klimaschutz und Nachhaltigkeit tief in ihrer Algorithmus-DNA tragen. Diese Produkte haben eine Chance auf dem Weltmarkt. Umweltschutz muss als essenzieller Teil von KI gedacht werden. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik an der University of Oxford: Sustainability is not the cherry on the cake – it’s the cake.

Gibt es denn bereits KI-Produkte, die maßgeblich zum Klimaschutz beitragen?

Es gibt schon konkrete Anwendungen; aber das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft – im Gegenteil: Es ist gigantisch. Eine wesentliche Aufgabe von KI ist es, Muster zu erkennen. Muster, die das menschliche Auge und Gehirn noch nicht kannten. Da kommen mir die Datensätze deutscher Institute oder der Landesämter für Vermessungstechnik in den Sinn. Dort lagern seit Ewigkeiten Datenschätze. Wären die digitalisiert und zugänglich, wäre es möglich, darin Muster zu erkennen und entsprechende KI-Anwendungen zu schaffen. Daraus wiederum könnten wir Schlussfolgerungen ziehen und Prognosen erstellen, um etwa nachhaltige Stadtplanungen besser zu ermöglichen. Ein anderes Beispiel ist der Forst. Hier werden heute schon Drohnen mit Kameratechnik eingesetzt. Die entstandenen Bilder können dann von einer KI genutzt werden. So wird sichtbar, wo der Wald durch den Klimawandel Unterstützung braucht, wie beispielsweise durch Aufforstung anderer Baumarten. Oder die Bauwirtschaft, eine wichtige, aber im Großteil noch nicht nachhaltige Industrie. Auch hier sehe ich mit der Optimierung von Lieferketten und Baumaterial-Analysen tolle Möglichkeiten. Es gibt viele Optionen.

Die Entwicklungen im Bereich KI sind sehr dynamisch. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Mit welchen Themen wird sich der KI-Verband in 20 Jahren beschäftigen?

Ich glaube, es ist unmöglich vorauszusagen, was in 20 Jahren sein wird. Für die kommenden fünf Jahre wage ich die Prognose, dass das Quantencomputing Auswirkungen auf die KI-Szene haben wird. Damit lassen sich Grenzen der Recheneffizienz stark erweitern. Aber gerade die letzten Jahre haben gezeigt: Es passiert so viel – das kann niemand eindeutig vorhersagen. Sicher ist: Es bleibt weiterhin spannend!

Herr Abbou, vielen Dank für das Gespräch.

Daniel Abbou

Daniel Abbou ist seit dem 1. Mai 2020 Geschäftsführer im KI Bundesverband e.V. Zu seinen Verantwortungsbereichen gehören die politische und Pressekommunikation sowie die Begleitung der Förderprojekte.

Daniel Abbou gründete zuvor den AI-Hub Europe und beriet Politik und Unternehmen. Er war Pressesprecher in verschiedenen Finanz- und Wirtschaftsministerien, u.a. als  Sprecher des ehemaligen Finanzsenators und jetzigen Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium Ulrich Nußbaum. Im ersten baden-württembergischen Kabinett Kretschmann bekleidete er die Funktion des stellvertretenden Regierungssprechers. Seine Begeisterung für Digitalisierung und Innovation begleitet ihn seit seiner Zeit als Fernseh- und Hörfunkjournalist für neue Technologien.

Daniel Abbou, ein Mann mit Brille, steht vor einer Backsteinmauer.