Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND e.V.) - Civic Innovation Platform

„Die Technologie ist kein Selbstzweck – wir möchten durch sie etwas bewirken.“

Katrin Elsemann ist Geschäftsführerin des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND e.V.). Im Interview spricht sie über die Förderung von gemeinwohlorientierter KI und darüber, was es braucht, um deren Entwicklung voranzutreiben.

Interview mit Katrin Elsemann anhören:

Denkfabrik: Frau Elsemann, mit Ihrem Netzwerk möchten Sie dem Social-Entrepreneurship-Sektor in Deutschland eine Stimme verleihen. Was macht ein gutes Sozialunternehmen aus?

Elsemann: Für die Aufnahme in unser Netzwerk müssen Organisationen verschiedene Kriterien erfüllen, die wir in drei Bereiche unterteilen: die soziale und/oder ökologische Zielsetzung, der unternehmerische Bereich und die Unternehmensführung. Mit einer sozialen und/oder ökologischen Zielsetzung formuliert das Unternehmen den Anspruch, ein soziales oder ökologisches Problem lösen zu wollen. Das ist kein Nebeneffekt, sondern der Kern des Unternehmens und der Grund, weshalb es sich gegründet hat. Die unternehmerische Dimension bedeutet, ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzuweisen, um die Organisation langfristig am Leben zu erhalten. Dieses Modell sollte nicht komplett abhängig sein von volatilen Zuwendungen, sondern sich beispielsweise aus dem Verkauf von Dienstleistungen oder Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Viele unserer Mitglieder haben hybride Einkommensquellen. Der wichtige Bereich der Unternehmensführung definiert eine nachhaltige Struktur innerhalb des Unternehmens. Da geht es um den Umgang mit Kund*innen, Mitarbeiter*innen oder der nachhaltigen Gewinn-Verwendung. Das alles sind Kriterien eines guten Sozialunternehmens.

Denkfabrik: Wie ist Deutschland im Bereich Social Entrepreneurship im internationalen Vergleich aufgestellt?

Elsemann: Unterschiedlich gut – in einigen Bereichen besser als in anderen – aber insgesamt lässt sich sagen, dass Deutschland Aufholbedarf hat. Das zeigen verschiedene Studien. In einer Befragung der Thomson Reuters Foundation aus dem Jahr 2019 landete Deutschland zum Beispiel von 43 befragten Ländern auf Platz 21. Es fehlt an einer ressortübergreifenden Strategie zu diesem Thema. Ökosysteme zur Finanzierung sowie Wachstumsmöglichkeiten können verbessert werden. Der Status quo erklärt sich aber auch dadurch, dass wir eine starke soziale Marktwirtschaft und eine starke Wohlfahrt haben, die viele der Aufgaben übernehmen, die in anderen Ländern über Sozialunternehmen organisiert werden müssen.

Die aktuelle Dynamik ist aber positiv. Da sind wir relativ weit vorne. Unternehmen, die jünger als zehn Jahre sind, sind im Gesamtvergleich häufiger Sozialunternehmen. Wir merken also, dass sich viele junge Unternehmen in Deutschland zum Thema Social Entrepreneurship bekennen.

Denkfabrik: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit KI-Anwendungen auch von Unternehmen im Sinne des Gemeinwohls eingesetzt werden können? Und was sollte vor diesem Hintergrund aus Ihrer Sicht bei der Entwicklung gemeinwohlorientierter KI-Anwendungen berücksichtigt werden?

Elsemann: Unternehmen sollten immer vom Ziel her denken. Die Technologie ist kein Selbstzweck, wir möchten durch sie etwas bewirken. Für KI-Unternehmen ist die Frage, wer mit der neuen Entwicklung erreicht werden soll, von höchster Relevanz. Die Zielgruppe muss eingebunden sein. Ein Kriterium für die Entwicklung guter gemeinwohlorientierter Anwendungen ist daher für mich, wenn möglichst viele Gruppen und Stakeholder miteinbezogen werden. Man sollte sicherstellen, dass der Algorithmus nicht nur aus der Perspektive von Forscher*innen oder Entwickler*innen entwickelt wird sondern die Realität der Zielgruppe berücksichtigt.

Denkfabrik: Gemeinwohlorientierung und Gewinnstreben scheinen sich zunächst gegenseitig auszuschließen. Wie stehen diese scheinbar unterschiedlichen Pole zueinander?

Elsemann: Dass sich Gemeinwohlorientierung und Gewinnerzielung gegenseitig ausschließen müssen, stimmt so nicht. Ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen benötigt Gewinne, um sich zu tragen und zu wachsen und damit auch das Gemeinwohl zu stärken. Die Frage ist, ob wir nach einer Gewinnmaximierung streben müssen. Ich denke, es geht auf Kosten des Gemeinwohls, wenn versucht wird, immer den maximalen finanziellen Gewinn rauszuholen.

"Es müssen Räume geschaffen werden, wo sich Akteur*innen aus den Bereichen KI und Gemeinwohl treffen, um gemeinsame Ziele zu formulieren und umzusetzen. Diese Räume sind nicht immer automatisch existent, ich sprach ja schon von den „Blasen“, in denen wir teilweise leben. Zwischen ihnen braucht es einen Treffpunkt."

Katrin Elsemann

Denkfabrik: Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, um Sozialunternehmen und ihre Beschäftigten, die KI-Anwendungen nutzen, gut zu unterstützen? Deckt die aktuelle Situation die Bedarfe von Sozialunternehmen ab oder sehen Sie Nachholbedarf?

Elsemann: Es gibt definitiv Anpassungs- und Nachholbedarf. Wir kämpfen für einen technologischen Fortschritt, der vorrangig gesellschaftliche Herausforderungen löst. Aktuell ist es leider so, dass es für Sozialunternehmen, die mittels Künstlicher Intelligenz Probleme lösen möchten, schwierig ist, Investor*innen zu finden und Förderungen zu erhalten. Die sozialen und ökologischen Kriterien werden nicht honoriert. Die Frage ist also, wie man Gemeinwohlorientierung zur Fördermaxime machen kann. Unternehmen, die mit KI gesellschaftliche Herausforderungen lösen möchten, müssen die gleichen Rahmenbedingungen erhalten. Zum Beispiel durch Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten.

Denkfabrik: SEND e. V. ist Kooperationspartnerin der Civic Innovation Platform. Was ist aus Ihrer Sicht spannend an der Zusammenarbeit und welche Synergieeffekte entstehen?

Elsemann: Durch die Zusammenarbeit haben wir sehr viel gelernt. Wir alle bewegen uns in „Blasen“, durch die Civic Innovation Platform konnten wir noch besser mit Forschungsinstituten, Entwickler*innen und Unternehmen aus dem zivilgesellschaftlichen und sozialen Sektor zusammenarbeiten. Dadurch entsteht die Chance, unter dem Einfluss der verschiedenen Perspektiven gemeinsam zu wirken, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen.

Denkfabrik: Spielen KI-Anwendungen in Ihrem Netzwerk bereits eine Rolle und wenn ja, in welchen Bereichen?

Elsemann: Ja, sie spielen bereits eine Rolle. Nicht bei allen Organisationen, denn sie sind hochtechnologisch und deswegen teilweise sehr teuer, aber in einigen Bereichen sind sie im Einsatz. Nehmen Sie etwa den ökologischen Bereich: Dort wird zum Beispiel versucht, nachhaltige Algorithmen zu entwickeln. Dadurch können Kaufentscheidungen grüner werden oder der ökologische Fußabdruck berechnet werden. Aber auch im Bereich Demokratieförderung – beispielsweise durch KI-gestützte Methoden, um politische Beteiligung für Bürger*innen leichter zu machen.

Denkfabrik: Was muss passieren, um perspektivisch das Thema KI und Gemeinwohlorientierung zu stärken?

Es müssen Räume geschaffen werden, wo sich Akteur*innen aus den Bereichen KI und Gemeinwohl treffen, um gemeinsame Ziele zu formulieren und umzusetzen. Diese Räume sind nicht immer automatisch existent, ich sprach ja vorhin schon von den „Blasen“, in denen wir teilweise leben. Zwischen ihnen braucht es einen Treffpunkt. Auf der anderen Seite brauchen wir politische Rahmenbedingungen, die genau das fördern. Förderkriterien können sicherstellen, dass nur Entwicklungen mit einer gemeinwohlorientierten KI gefördert werden. Es müssen Anreize gesetzt werden, um die Entwicklung gemeinwohlorientierter KI voranzutreiben. Stellen Sie sich zum Beispiel ein Projekt vor, bei dem es darum geht, wohnungslosen Menschen den Zugang zu Unterstützung zu erleichtern. Dafür nun eine passende KI zu entwickeln – das wäre ein gutes Förderprojekt. Damit ermöglichen wir Forscher*innen und Entwickler*innen, sich im gemeinwohlorientierten Sektor zu bewegen.

Denkfabrik: Sie haben die Zwischenpräsentation der prämierten Ideen der ersten Runde des Ideenwettbewerbs der Civic Innovation Platform als Expertin begleitet. Wo liegen nun die größten Herausforderungen für die Teams bei der weiteren Ausgestaltung ihrer Projektideenideen?

Elsemann: Mich hat sehr begeistert, wie sich die Akteur*innen aus unterschiedlichen Unternehmen und Organisationen in den Teams zusammengefunden haben. Die Gruppen sind durchweg sehr gemischt, das hat mich positiv beeindruckt. Diese komplexen Projekte und Strukturen dauerhaft beizubehalten – darin liegt nun die größte Herausforderung, besonders nachdem die Anfangseuphorie abklingt. Je länger das Projekt dauert, desto anstrengender kann es werden, sich zusammenzufinden und die Ressourcen für Abstimmungsprozesse zu haben.

Denkfabrik: Die Civic Innovation Platform ist ein zentraler Baustein von „Civic Coding ‒ Innovationsnetz KI für das Gemeinwohl“, einer gemeinsamen Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. In diesem offenen Netzwerk sollen die Kräfte der drei Häuser gebündelt und die Entwicklung und Nutzung von gemeinwohlorientierter KI vorangebracht und gefördert werden. Was braucht ein solches Netzwerk aus Sicht des Social Entrepreneurship-Sektors?

Elsemann: Ein solches Netzwerk braucht die Stimme kleinerer Organisationen. Die Frage, ob im Netzwerk hauptsächlich Forschungsinstitute und Verbände vertreten sind oder eben wirkliche Akteur*innen aus dem sozialunternehmerischen Sektor, ist entscheidend. Das können Social Startups sein oder junge, gemeinnützige Initiativen oder auch Akteur*innen, die tolle Arbeit leisten, aber noch nicht so viel Berührung mit KI hatten, zum Beispiel Naturschutzorganisationen. Die richtigen Akteur*innen-Gruppen müssen im Netzwerk versammelt sein und es muss gehört werden, wo ihre Bedürfnisse und Interessen liegen.

Denkfabrik: Frau Elsemann, vielen Dank für das Interview.

Katrin Elsemann

Katrin Elsemann ist Geschäftsführerin des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND). Sie hat Entwicklungsökonomie studiert und war lange in der internationalen Zusammenarbeit tätig. In diesem Rahmen verbrachte sie viele Jahre im südlichen Afrika und in Lateinamerika. Danach gründete sie zwei Sozialunternehmen. Seit September 2017 leitet sie das operative Geschäft von SEND, um den Social Entrepreneurship Sektor in Deutschland zu vernetzen, und den Sozialunternehmer*innen eine Stimme gegenüber Politik, Wohlfahrt und Wirtschaft zu verleihen.

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